Erster Brief

 

Den folgenden Brief hat er mit 16 Jahren an seinen Freund Erwin Bücken geschrieben. Beide hatten bereits als Schüler begonnen zu schreiben und sich ihre Sachen vorzulesen. Erwin Bücken wurde Arzt und Schriftsteller:

 

Köln, 3. 8. 1926, 6 Uhr nachm.

 

Lieber Erwin!

 

Soeben sitze ich mit Peter Schäfer [ein anderer Freund, der später u. a. Dänisch studierte, um Kierkegaard zu übersetzen] und mache einige chemische Analysen (Quecksilbersulfid). Plötzlich schellt es und "Er", der lang ersehnte naht. Ein Brief von dir!! Es hat mich wirklich sehr gefreut und ich sage meinen Dank, indem ich deinen lieben Brief sofort beantworte. Wie du schreibst, bist du deinem Wahlspruch getreu (entstanden bei der katerigen Abschiedsfeier) nach deinem Ziele gelangt. Wenigstens ein fester Mensch! Mir geht es gut, hoffe von dir das Gleiche. Heute morgen habe ich in der Flora 2 Skizzen vollendet. Kritik gut! Morgen machen Ferdi [Weiss, ein anderer Freund] und ich eine Tour. Wohin? Hier ist es sehr langweilig. Außer Leo, Fritz, August, alles weg. Ich hoffe aber mir die Zeit durch Dichten, Malen und naturwissenschaftliche Studien zu vertreiben. Folgendes habe ich an Dichtkunst produziert:

Herbstlandschaft,
Winter, Sommer, Frühlingslandschaft.
Außerdem Vision und mein
Epos I. Teil.

Meni [wahrscheinlich Hans Georg Laubenthal] kommt nur ab und zu einmal hier herunter. Im übrigen ist er [er]nüchternd. Von jetzt ab erscheine ich in langer Hose. Furchtbar!! Gipsverband!!! Mein Epos ist sehr nett. Ich habe, wie schon gesagt, Teil I vollendet. (Entstehung der Erde). Die Vision ist nur mit "Blut" geschrieben, denn sie beschreibt einen Krieg. Ist aber sehr gut aufgebaut. Bin nur gespannt, wie es weiter läuft. Was machst du nun noch? Benimm dich als Künstler! Oder, auf gut Deutsch, dichte! Du darfst auf alle Fälle meine Schrift nicht bewundern. ... Wie geht es dir noch? Hoffentlich erholst du dich vom Kater.

Wenn du nun weiterfährst, schreibe sofort deine Adresse auf eine Karte und sende sie ab. Ich werde dann schreiben. Nun muß ich leider Schluß machen.

1.Platzmangel, 2.Muse schweigt!

Also viel Glück, gute Erholung, viel Vergnügen
sendet dir dein Freund Max.

Viele Grüße an deine werten Eltern und Schwester.

Hoch Heine!! Nieder seine Gegner!! Gedichte nächstesmal.